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2014: 25 Jahre danach

Vor 25 Jahren wurde die Teilung Berlins durch die Maueröffnung und die folgende Wiedervereinigung beendet. Eigentlich kann man sich kaum vorstellen, dass diese Ereignisse bereits ein Vierteljahrhundert zurückliegen. Zugleich ist klar, dass es seitdem in Berlin immense Veränderungen gegeben hat. Die „Zwischenzeit“ der neunziger Jahre, als alles im Umbruch war, verschwindet langsam im Nebel der Geschichte. Drehen wir doch die Zeit einfach mal zurück:

Wer in den ersten Jahren nach der Maueröffnung Berlin besuchte, fragte sich immer wieder: „Wo bin ich hier eigentlich gelandet?“ Die Stadt kam einem oft wie ein fremder Planet vor. Die Jahrzehnte der Teilung hatten Spuren hinterlassen, die weitaus vielschichtiger waren als man es auch nur erahnen konnte. Man kam nach einer langen Fahrt in ölig riechenden Zügen am Bahnhof Zoo an, dessen Trostlosigkeit sich mit den Erwartungen deckte, die man nach der Lektüre von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bereits in sich trug. Dann begab man sich zum Kurfürstendamm, dem Symbol West-Berlins. Die Gedächtniskirche und das „KaDeWe“ strahlten einem als altbekannte Wahrzeichen entgegen. Das wollte man sehen, da musste man hin!

Andererseits konnte dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen, dass der legendäre „Kudamm“ doch etwas angestaubt und heruntergekommen wirkte … als würde er sich nur noch im verblassenden Glanz vergangener Jahrzehnte sonnen. Überhaupt hatte diese Halbstadt mitunter etwas Provinzielles an sich. Und man merkte hier und da, dass ihre Bewohner es sich im Schatten der Mauer offenbar recht bequem eingerichtet hatten. Vielleicht hatten die üppigen Subventionen des Bundes eine gewisse Trägheit bewirkt?

Andererseits stolperte man immer wieder über kleine Ungeheuerlichkeiten, Dinge, die daheim noch nicht einmal denkbar waren: So stand zum Beispiel an der Gedächtniskirche oft eine ältere Dame mit einem großen Plakat, das eine sehr explizite Botschaft zum Thema Sexualität enthielt – diese Person war im Grunde schon eine Institution und weit über die Grenzen ihrer Stadt hinaus bekannt. Oder man ging zu einem Kiosk und sah, dass dort außer den üblichen Tabakwaren auch Haschischpfeifen verkauft wurden … ganz normal, als wäre das nichts Besonderes!
Und dann war da natürlich Kreuzberg. Für viele Westdeutsche war es dieser Stadtteil, der West-Berlin zu einer „Chaotenstadt“ machte. Hier manifestierten sich alle denkbaren Albträume eines jeden Spießbürgers: Ein Bezirk, in dem fast nur Türken, Sozialhilfeempfänger, Punks und Alternative wohnten, in dem es immer wieder Krawalle gab. Für Menschen, die sich wiederum als „anders“ betrachteten, war dieser Bezirk ein Mekka: Hier war man ausnahmsweise mal nicht eine Minderheit, hier beherrschte man die Straße!

Selbst abgeklärte Medien wie „Der Spiegel“ konnten sich der Faszination Kreuzbergs nicht entziehen: In einer langen Reportage berichtete das Magazin 1987 mit dem Titel „Der unheimliche Ort Berlin“ anhand eines mysteriösen Mordfalls in der Hausbesetzer-Szene über Hintergründe und Abgründe dieses Stadtteils. Zugleich hatte sich nach der Wende ein gewisses Unbehagen in Kreuzberg eingeschlichen: Die Mauer war verschwunden, nach Jahrzehnten der Randlage war man plötzlich wieder mitten in Berlin. Würden die kleinen Mikrokosmen, Sumpfblüten und Mauernischen von der neuen Hauptstadt überrollt werden?

Wenn der Westen Berlins für die meisten Bundesbürger schon eine merkwürdige Erfahrung war, so sollte sich der Osten für sie als eine Art Dampfhammer erweisen: Die vormalige Hauptstadt der DDR sah völlig heruntergekommen aus. Hier und da schien es so, als hätte der Krieg erst vor wenigen Jahren sein Ende gefunden. Die Spuren von Bomben, Granaten und Gewehren waren vielerorts noch deutlich erkennbar. Den Rest hatten der realsozialistische Zerfall und die DDR-Stadtplanung erledigt. An ein marodes Haus nahe des Hackeschen Marktes hatte jemand mit großen Buchstaben gepinselt: „Was der Krieg verschonte, überlebt im Sozialismus nicht“. Besonders schlimm sah es in den Bezirken Prenzlauer Berg und Friedrichshain aus. Angesichts des umfassenden Zerfalls drängte sich die Frage auf: Wo soll man hier bloß anfangen?

Der Osten Berlins war nicht nur schäbig und düster, er war zugleich auch gefährlich: In den Plattenbausiedlungen am Stadtrand, aber auch in anderen Bezirken, etablierten sich nach der Wende rechtsradikale Subkulturen, die durch brutale Angriffe auf Ausländer und Andersdenkende immer wieder von sich reden machten. Wer spät abends in den schlecht beleuchteten Straßen Ost-Berlins unterwegs war und sich durch ein „undeutsches“ Aussehen auszeichnete, fühlte sich permanent bedroht. Vor allem die S-Bahn galt als gefährlich: Hier passierte es mehrfach, dass Menschen angegriffen und bei voller Fahrt aus dem Zug geworfen wurden. Der Osten konnte ein sehr gewalttätiges Pflaster sein.

 

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