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Kunststadt Berlin…

… von der Museumsinsel bis in den Hinterhof

Berlin hat viel zu bieten. In puncto Kunst vor allem seine reichen Museen – und eine springlebendige Kunstszene, die sich von den Galerien in der Auguststraße bis in die Ateliers und experimentellen Räume in den Hinterhöfen von Kreuzberg und Prenzlauer Berg erstreckt. Institutionen und Improvisiertes, Altes und Neues, Markt und Experiment – in Berlin finden Sie alles Seite an Seite, und wer will, kann sich auf ausführliche Entdeckungsreisen begeben.

Wer sich die Kunststadt Berlin erobern möchte, beginnt meist mit der Museumsinsel. Das ist eine gute Wahl, denn das in über 100 Jahren Bauzeit entstandene Gesamtkunstwerk mit seinen fünf großen Häusern, die einzigartige Kulisse mit ihren Tempelfronten, Säulengängen und den Ausblicken auf den Fluss und die Stadt sollte man auf keinen Fall verpassen – nicht einmal dann, wenn einen Kunstwerke aus 6000 Jahren Geschichte kalt lassen sollten. In den 1830er Jahren geplant als Schrein für Wissenschaft und Kunst von der Frühantike bis ins 19. Jahrhundert, wurde der Komplex bis zur Eröffnung des Pergamon-Museums 1935 immer wieder erweitert und verschönert. Ziel war nicht mehr und nicht weniger als eine Gesamtschau der sogenannten Hochkulturen der Menschheit – vom alten Ägypten über die Kunst des Zweistromlandes und der klassischen Antike über Mittelalter, Renaissance und Barock bis zum Preussen des 19. Jahrhunderts.

Tatsächlich kann man von kykladischen Skulpturen bis zu Ölmalerei des 19. Jahrhunderts auf der Museumsinsel fast alles sehen, was schön und kostbar ist. Höhepunkte sind, neben der weltberühmten Nofretete-Büste im Alten Museum, die Architekturen aus Babylon und Kleinasien: Das spektakuläre Ischtartor, der Pergamon-Altar und die Fassade des Markttors von Milet machen das Pergamon-Museum zum einzigen Indoor-Architekturmuseum weltweit. Das Bode-Museum prunkt mit dem komplett ausgestatteten Innenraum einer italienischen Renaissance-Basilika, und in der Alten Nationalgalerie hängen Hauptwerke der Romantik und des deutschen und französischen Impressionismus, darunter Gemälde von Caspar David Friedrich, Menzel, Liebermann, Corot, Renoir und Manet. In die Betrachtung der französischen Impressionisten kann sich ein Fünkchen Bedauern einschleichen, wenn man bedenkt, dass Hugo von Tschudi, Leiter der Nationalgalerie um 1900, vom Ankauf weiterer Werke zurückgepfiffen wurde: Kaiser Wilhelm II. selbst soll ihm mit den Worten „Keine violetten Ferkel, Tschudi!“ zu verstehen gegeben haben, der solle sich bei seiner Ankaufspolitik lieber auf deutsche Kunst konzentrieren, die man für solider und vor allem für moralisch hielt.

Zur Zeit stehen auf der Museumsinsel wieder Kräne. Nach der Zusammenführung der geteilten Sammlungen in der Folge der Wiedervereinigung wird noch bis 2015 saniert und erweitert: Eine unterirdische Promenade soll die archäologischen Museen verbinden; das Neue Museum, seit dem Krieg eine Ruine, wird wieder aufgebaut; und eine neue, den alten Formen nachempfundene Galerie wird den Eingang zur Insel eröffnen, wenn das gesamte Ensemble als Weltkulturerbe neu eingeweiht wird.

Neben den vielen Eindrücken der Museumsinsel könnte man den Rest von Berlin als Kunststadt fast aus den Augen verlieren – aber das wäre schade. Nicht verpassen sollte man das Kulturforum im Westen mit der Neuen Nationalgalerie, der Gemäldegalerie, dem Kupferstichkabinett und zahlreichen weiteren Museen. Zusammen mit der Staatsbibliothek West, dem Kammermusiksaal und der Philharmonie entstanden die Museumsbauten an der Potsdamer Straße seit den späten 60er Jahren als Ersatz für das verlorene kulturelle Zentrum im Ostteil der Stadt und – in Sichtweite der Mauer – auch als kulturelle und finanzielle Machtdemonstration des Westens. Heute lockt die Gemäldegalerie mit Werken von Brueghel, Tizian, Caravaggio und Rembrandt, und das lichtdurchflutete Atrium lädt zu einer Ruhepause auf Bänken beim plätschernden Brunnen ein.

Eine zu Unrecht weniger bekannte Besonderheit ist das Kupferstichkabinett – wer will, kann sich hier einen Druck oder eine Originalzeichnung von Käthe Kollwitz, Paul Klee oder sogar von Rembrandt vorlegen lassen und sie ganz für sich und von nahem in aller Ruhe betrachten. Gleich nebenan liegt die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe mit ihrer reichen Sammlung von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. Leider gerät der NNG auch die Ausstellungspolitik manchmal ein wenig allzu „klassisch“ – es werden kaum Arbeiten von Künstlerinnen gezeigt, und der Kunst der DDR, die immerhin 40 Jahre lang für einen großen Teil des Landes von Bedeutung war, widmet man kaum mehr als ein Alibi-Eckchen. Den großen Bewegungen der Moderne räumt sie jedoch üppigen Raum ein, und hier bietet sie alles auf, was Rang und Namen hat, von Munch über Klee und Picasso bis zu Lucio Fontana und Gerhard Richter.

Wer mehr Zeitgenössisches und Kunst jenseits der Epigonen des 20. Jahrhunderts sehen will, sollte sich dem Hamburger Bahnhof zuwenden, oder – noch besser – direkt in Berlins lebhafte Galerienszene eintauchen. In Verbindung mit Berlins quirliger Künstler- und Partyszene hat sie der Stadt in den letzten Jahren den Ruf eingetragen, hipper als New York zu sein! Bekannt für ihre Galerien ist vor allem die Auguststraße in Mitte. Insbesondere die „Kunstwerke – Institute for Contemporary Art“, erregen immer wieder mit hochprofilierten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst Aufmerksamkeit. Im Haus Nr. 26 residiert die Galerie eigen + art von Harry „Judy“ Lybke, laut Wikipedia einem der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands. In den 80er Jahren organisierte er in Leipzig Ausstellungen in seiner Privatwohnung zu einer Zeit, als Ausstellungsorte und Kunstzeitschriften ausschließlich in staatlicher Hand waren. Private Ausstellungen und zu Hause oder im Atelier hergestellte Magazine, die von Hand zu Hand gingen, unterliefen das Öffentlichkeitsmonopol der DDR und schufen die alternative Öffenlichkeit der oppositionellen Szene. Einen Hauch von der wild-improvisierten Atmosphäre, die hier in den 90er Jahren herrschte, kann man noch um die Ecke im „Tacheles“ in der Oranienburger Straße erhaschen.

Den Ruf, inzwischen gewagtere und streitbarere Kunst als in der Auguststraße auszustellen, haben die Galerien in der Zimmerstraße – direkt um die Ecke vom Checkpoint Charlie kann man sich ein Bild davon machen, wer sich anschickt, in den nächsten Jahren den Markt zu erobern. Es lohnt sich, einen Blick zu riskieren.

Auch in Prenzlauer Berg gibt es viel zu entdecken, insbesondere rund um den U-Bahnhof Eberswalder Straße, wo früher die Mauer verlief und die Stadt an ein abruptes Ende kam. In alten Läden und Erdgeschosswohnungen, wo die Mieten erst jetzt beginnen, in die Höhe zu klettern, zwischen und hinter den Cafés und Restaurants haben sich alle Arten kleiner Läden, Werkstätten, Ateliers und Galerien eingenistet. Eine davon ist die Galerie Walden in der Kastanienallee 86, eine andere die galerie kurt im hirsch im zweiten Hinterhof der Kastanienallee 12. Hier findet Kunst abseits fester Budgets und institutioneller Politik statt; die kleinen, unabhängigen Galerien können es sich leisten, ergebnisoffene Projekte und junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern. Sie bieten Raum für Experimente, die grandios oder mittelmäßig sein, und die auch einmal scheitern können. Kurt im hirsch beispielsweise bezeichnet sich selbst als „experimentellen Kunst-Spielplatz“; zum „zehnjährigen Jubiläum ohne Budget“ bekommen die Besucherinnen und Besucher die Fernsteuerungen für Käthe Wenzels Malroboter in die Hand und malen um die Wette.

Der sogenannten „partizipatorischen Kunst“ hat sich arttransponder e.V. in der Brunnenstraße 151 verschrieben. Arttransponder fördert und präsentiert Kunst, die nicht nur interaktiv ist, sondern die in aktiver Zusammenarbeit aller Beteiligten entsteht – die traditionellen Rollen von „kündendem“ Künstler und andächtigen Betrachterinnen und Betrachtern werden aufgelöst; im Idealfall entstehen vielstimmige, kollektive Kunstwerke, die Aufschluss über das Befinden einer Gesellschaft geben. Mit Kunst, der es in erster Linie um Schönheit geht, hat dies nicht mehr viel zu tun; hier wird über Kunst diskutiert, die sich in soziale Zusammenhänge einschaltet, die konzeptuell und politisch sein will.

Auf den ersten Blick scheint es ein weiter Weg von der Museumsinsel hierher. Aber wer sich Menzels „Eisenwalzwerk“ oder Max Liebermanns „Spinnstube“ in der Alten Nationalgalerie angesehen hat, weiß, dass engagierte Kunst keine neue Erfindung ist; und wer sich auf der langen Wanderung durch die Kunststadt Berlin mit schmerzenden Füßen vor dem so-und-so-vielten Bild auch einmal gelangweilt hat: Der ist schon ziemlich nah dran an den aktuellen Diskussionen über neue Formen von Kommunikation in und über Kunst, die zur Zeit in Berlin stattfinden.

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