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Tanz auf dem Vulkan

Kaum ein Begriff strahlt immer noch solch eine Aura aus wie „das Berlin der zwanziger Jahre“. Sowohl in Deutschland als auch im Ausland gilt diese Epoche als die Glanzzeit Berlins schlechthin. Und viele der nach Berlin gezogenen Menschen berufen sich auf die Zwanziger als Ausgangspunkt ihrer Berlin-Faszination. Zugleich lässt sich aber jedem Geschichtsbuch entnehmen, dass das Berlin der Weimarer Republik sich durch politisches Chaos, Verbrechen und Armut auszeichnete. Was also war das Berlin der zwanziger Jahre? Wie lässt es sich einordnen?

Die Anfänge der Weimarer Republik zeichneten sich durch ein hohes Maß an Gewalt aus, das auf das Machtvakuum zurückgeführt werden konnte, das durch den plötzlichen Zusammenbruch des Kaiserrreichs entstanden war: Deutschland hatte den Krieg verloren und sein Kaiser ging ins Exil. Während das konservative Bürgertum dadurch wie gelähmt war, gab es einen Machtkampf zwischen der SPD – die provisorisch die Macht übernommen hatte – und der extremen Linken, die eine Art Sowjetrevolution anstrebte. In dieser Situation stützte sich die Regierung auf die aus ehemaligen Frontsoldaten bestehenden „Freikorps“, die den linken Aufstand in Berlin mit größter Brutalität niederschlugen. Dabei wurden auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet. Durch diese Vorgänge sollte es bis zum Ende der Weimarer Republik eine große Feindschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten geben. Die Linke war dauerhaft gespalten, was sich für die Nazis als großer Vorteil erweisen sollte.

Ebenso problematisch war, dass die Deutschen sich ihre erste Demokratie nicht selbst erkämpft hatten, sondern sie praktisch als das Produkt einer militärischen Niederlage erlebten. Noch schlimmer: Für die meisten Deutschen war diese Niederlage wiederum durch einen angeblichen „Dolchstoß“ der Linken entstanden, die die deutschen Kriegsanstrengungen sabotiert hätte. Dass der Krieg aber nach dem Scheitern der letzten deutschen Großoffensive 1918 nicht mehr zu gewinnen war, konnten und wollten viele Deutsche nicht verstehen. Natürlich, das kaiserliche Heer stand zwar noch tief in Frankreich und Belgien. Aber gegen die Amerikaner – die ihr militärisches Potential nach einem langsamen Start nun voll ausschöpften – und gegen die Panzerverbände der Briten und Franzosen hatte man keine Chance mehr. Wie dem auch sein: Für das Gros der Deutschen sollte die Demokratie unglücklicherweise ein Fremdkörper bleiben.

Nachdem sich die politische Situation etwas beruhigt hatte, stellte das Jahr 1920 für Berlin eine bedeutende Zäsur dar: Durch das „Groß-Berlin-Gesetz“ wurden die Städte Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Neukölln, Wilmersdorf, Spandau, Lichtenberg und Köpenick sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu einer 878 Quadratkilometer großen Stadt mit 3,8 Millionen Einwohnern zusammengefasst. Diese Fusion bewirkte einen großen Wachstumsschub: Bis 1939 sollte Berlin auf 4,3 Millionen Einwohner anwachsen. Aus der einstigen, etwas verschlafenen Residenzstadt war nun eine riesige Metropole geworden: die drittgrößte Stadt der Welt.

Zugleich war das boomende Berlin der Weimarer Republik aber auch von einer Armut geprägt, die große Teile der Bevölkerung erfasste. In den so genannten „Mietskasernen“ der Arbeiterschicht herrschten teilweise kaum beschreibbare Zustände: Angesichts niedriger Löhne und weit verbreiteter Arbeitslosigkeit gehörten Alkoholismus, Gewalt, sexueller Missbrauch und Krankheit dort zum Alltag. Und während Arbeitslosigkeit heutzutage „soziale Exklusion“ bedeutet, hatte sie damals angesichts einer äußerst rudimentären staatlichen Absicherung eine ganz andere Bedeutung: Hunger. Auf den Straßen waren überall Bettler zu sehen, darunter viele Männer, denen Körperteile fehlten. Die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges hatten unzählige verstümmelte Kriegsversehrte hinterlassen, die sich keinen Lebensunterhalt mehr verdienen konnten.

Jenseits der Armut und der politischen Turbulenzen waren die zwanziger Jahre zugleich eine Zeit des Fortschrittes. Der Zusammenbruch der kaiserlichen, hierarchischen Gesellschaft der Vorkriegszeit hatte viele Konventionen weggesprengt und für einen Modernisierungsschub gesorgt. Vor allem in den Städten konnte man nun zum Beispiel Frauen in Hosen und mit kurzen Haaren sehen. Frauen strömten auch in die Berufswelt ein und eroberten Bereiche, die vorher weitgehend den Männern vorbehalten waren. Zugleich erfasste auch eine sexuelle Liberalisierung Teile der Gesellschaft: Zum ersten Mal war ein erfülltes Geschlechtsleben auch jenseits der Ehe denkbar – während das von Magnus Hirschfeld geleitete Berliner Institut für Sexualwissenschaft zu den weltweit ersten Institutionen gehörte, die sich systematisch mit dieser Thematik befassten.

Vor allem waren es aber die kulturellen Höchstleistungen, die dem Berlin der Weimarer Republik seinen Nimbus verleihen sollten. In einer Gesellschaft, die durch die Brüche der Jahre 1918/19 auf den Kopf gestellt worden war, gab es für das Darstellbare kaum noch Grenzen: Alles war möglich, alles war machbar! Die Zensur war nach dem Ende des Kaiserreiches zwar nicht ganz abgeschafft, aber doch weitgehend gelockert worden. Und gerade das jüdische Bürgertum vermochte es, die neuen Chancen, Wirrungen und Umbrüche jener Zeit kreativ zu verarbeiten und dem Kulturleben unglaubliche Impulse zu verleihen. Hinzu kam, dass gerade Berlin damals eine sehr vielfältige Stadt war: Es übte eine magnetische Wirkung auf die Boheme anderer Länder aus. Es lockte alle „schrägen Vögel“ an, denen die Provinz zu eng war. Es wimmelte von Osteuropäern – vor allem Russen – die vor der Sowjetrevolution und den ihr folgenden Kriegen geflüchtet waren.
Zu den damals in Berlin tätigen Literaten, Künstlern und Komponisten gehörten – um nur einige zu nennen – Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Erwin Piscator, Heinrich Mann, Erich Kästner, Arnold Zweig, Joachim Ringelnatz, Mascha Koléko, Carl von Ossietzky, John Heartfield, Otto Dix, George Grosz, Heinrich Zille, Käthe Kollwitz, Arnold Schönberg, Kurt Weill und Wilhelm Furtwängler. Auf der technisch-infrastrukturellen Ebene umfassten die großen Leistungen wiederum den Bau der AVUS (die erste Autobahn der Welt), die Hufeisensiedlung in Britz, die Eröffnung des Tempelhofer Flughafens, den legendären „Schienenzeppelin“, den ersten Rundfunk, die ersten Fernsehprogramme und die „Grüne Woche“. Vielleicht erklärt sich die große Faszination der Weimarer Republik daraus, dass dort sehr vieles „vorgedacht“ oder schon umgesetzt wurde, was anderswo erst Jahrzehnte später verwirklicht werden sollte: modernes Bauen, die Massenmedien, Massentourismus, Massentransportmittel, alltagsnahe Kunst und Literatur, die Gleichberechtigung der Frauen, befreite Sexualität und die multikulturelle Gesellschaft.

Das berühmte Nachtleben jener Zeit, mit all seinen Extremen und Exzessen, lässt sich zum großen Teil darauf zurückführen, dass angesichts der immensen wirtschaftlichen Probleme eine „Lebe im Jetzt!“-Einstellung vorherrschte: Das Ersparte war verloren (oder würde es bald mal wieder sein), der Ruf war längst ruiniert, die Politiker waren korrupt oder verbohrt, die Republik hatte keine Zukunft und seine Arbeit würde man auch nicht behalten! Deswegen ergab es durchaus Sinn, sich ins schnelle Vergnügen zu stürzen und alles „mitzunehmen“ – so lange man es noch konnte.

In den späten zwanziger Jahren zeichnete sich immer deutlicher ab, dass das soziale und politische Gefüge der Weimarer Republik auf Dauer nicht trug. Man hatte zwar die fürchterliche Zeit der Hyperinflation überstanden … aber die Risse wurden immer größer. Nach wie vor waren große Teile der Bevölkerung verarmt und auch jenseits dieser Schichten konnten sich die meisten Bürger immer noch nicht mit dem politischen System identifizieren. Aufmärsche, Protest und Gewalt gehörten in Berlin damals fast zum Alltag. Die härtesten Zusammenstöße gab es zwischen der NSDAP und der KPD. Für viele Menschen – vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums – war Gewalt ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung. Das Auftreten des Staates zeichnete sich oftmals durch große Hilflosigkeit aus. Ab 1927 schien die Weimarer Republik langsam zu „kippen“.

 

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