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Am 17.11.2018 fand auf dem Areal der „Spreefeld“-Genossenschaft eine Konferenz zur Thematik der Obdachlosigkeit innerhalb Berlins statt. Sie war gemeinschaftlich vom Robert-Tillmanns-Haus und Bewohnern der neben der Genossenschaft liegenden informellen „Teepeeland“-Siedlung organisiert worden und umfasste folgende inhaltliche Schwerpunkte:

  • Einen einleitenden historischen Rückblick auf die Geschichte der Obdachlosigkeit in Berlin seit dem 19. Jahrhundert
  • Die Entwicklungen innerhalb der letzten fünf Jahre und die konkrete gegenwärtige Situation
  • Die Frage, was man tun kann, um die Lage Obdachloser zu verbessern
  • Entwicklung und Perspektiven informeller Siedlungen seit der Nachwendezeit
  • Einen Blick auf die globale Dimension von Obdachlosigkeit

Die Konferenz war dabei nicht als „Expertendebatte“ gedacht (in diesem Bereich gibt es zum Beispiel schon die so genannten „Berliner Strategiekonferenzen“), sondern richtete sich konkret an interessierte, der Thematik nicht kundige BürgerInnen. Zu den referierenden und mitdiskutierenden Personen gehörten dabei unter anderem MitarbeiterInnen der Obdachlosenmission am Bahnhof Zoo, der Kältehilfe bzw. Wohnungsnotfallhilfe, der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen und des Vereines „querstadtein“, der von Obdachlosen durchgeführte Stadtrundgänge organisiert.

Die Tagungsleitung hat die Konferenz als sehr gesprächsintensiv erlebt und möchte an dieser Stelle die Ergebnisse der Veranstaltung – ergänzt um Informationen aus diversen schriftlichen Quellen – zusammengefasst darstellen. Zugleich möchte sie an dieser Stellen auch noch einmal allen Mitwirkenden und Teilnehmenden danken. Der Dank geht auch an „Spreefeld“ für die Bereitstellung der Infrastruktur und an das Teepeeland für das Catering und sonstige Unterstützung.

 

Wie entsteht Obdachlosigkeit überhaupt – wie „landet man auf der Straße“?

Wer sich jemals mit der Thematik beschäftigt hat oder Obdachlose persönlich kennt, lernt schnell zwei Dinge:

Erstens, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann, ganz egal, aus welcher sozialen Schicht man kommt oder unter welchen Umständen man lebt. Der Gedanke, dass Obdachlosigkeit lediglich ein „die Unterschicht“ betreffendes Problem ist oder nur „asoziale“ Menschen mit ungeregeltem Lebenswandel trifft, ist nichts Anderes als eine Form der Verdrängung und der Stigmatisierung Obdachloser – frei nach dem Motto: „So etwas kann mir nicht passieren!“ Aber es reichen manchmal schon ein, zwei Schicksalsschläge, um auf der Straße zu landen.

Zweitens gibt es auch nicht den Grund für Obdachlosigkeit. Stattdessen ist es oft eine Kombination mehrerer Faktoren. Dazu gehören:

  • Größere Lebenskrisen
  • Gescheiterte Ehen oder Beziehungen
  • Massive häusliche Konflikte, oft auch in Kombination mit Gewalt oder sexuellem Missbrauch
  • Der Tod nahestehender Menschen
  • Extremer familiärer oder beruflicher Leistungsdruck
  • Gesundheitliche Probleme
  • Psychische Störungen
  • Suchtprobleme
  • Arbeitslosigkeit
  • Finanzielle Probleme
  • Wohnungsverlust infolge von Gefängnisaufenthalt
  • Versagen staatlicher Behörden (z.B. im Zusammenhang mit Wohngeldzahlungen)

Die Obdachlosigkeit bewegt sich somit zeitlich zwischen den Polen „Ergebnis eines längeren Prozesses“ und „plötzlich eintretend“. Und vor allem dann, wenn Menschen über kein persönliches „Sicherheitsnetz“ mehr verfügen – ob finanzieller Art oder zum Beispiel hinsichtlich sozialer Kontakte – steht Obdachlosigkeit in bestimmten Situationen fast zwangsläufig am Ende langfristiger negativer Entwicklungen im Leben der Betroffenen. Hinzu kommen natürlich auch politische Komponenten wie zum Beispiel ein unzulänglicher Mieterschutz. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der es für Vermieter aufgrund der immensen Mietsteigerungen der letzten Jahre sehr lukrativ sein kann, „Altmieter“ loszuwerden, um sie durch höhere Mieten zahlende neue Bewohner zu ersetzen, kann der Mangel eines angemessenen Schutzes katastrophale Auswirkungen haben. Und grundsätzlich sind in neoliberalen Systemen lebende Menschen immer wesentlich stärker von Obdachlosigkeit bedroht als in Ländern, in denen der Staat seine Fürsorgepflicht gegenüber der Bevölkerung ernst nimmt.

 

„Erscheinungsbild“ und Auswirkungen von Obdachlosigkeit:

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass es den Obdachlosen nicht gibt. Das gängige Klischee des „Pennbruders“ – eines älteren, etwas streng riechenden Mannes in zerlumpten Klamotten mit struppigem Bart – ist heutzutage weit von der Realität eines großen Teils obdachloser Menschen entfernt. Stattdessen ist eher verblüffend, wie „normal“ und unauffällig viele Obdachlose aussehen. Und das sollte vielleicht auch gar nicht überraschend sein: Denn gerade aufgrund der massiven sozialen Stimatisierung, die Obdachlose erfahren, ist es ihnen oft ein wichtiges Bedürfnis, ein gepflegtes Erscheinungsbild aufzuweisen und sich nicht gehen zu lassen. Dazu gehört oft auch das Bestreben – so weit es unter den gegebenen Umständen möglich ist – sich gesund zu ernähren und sich einigermaßen fit zu halten. Es gibt dann natürlich verschiedenste Abstufungen und, am anderen Ende der Skala, eben auch die Menschen, die einen „heruntergekommenen“ Eindruck machen und sich mehr oder weniger schon aufgegeben haben. Dabei darf man nie vergessen, dass diese Menschen oft schon lange Jahre der Obdachlosigkeit hinter sich haben – ein Leben, dass in unglaublichen Maße an die körperliche und psychische Substanz geht. Denn Obdachlosigkeit ist in der Regel mit verschiedensten Belastungsfaktoren verbunden:

  • Der Körper ist viel stärker als bei wohnhaften Menschen klimatischen Extremen ausgesetzt
  • Unregelmäßige beziehungsweise ungesunde Ernährung
  • Mangelnde medizinische Versorgung
  • Hygienische Probleme (vor allem dort, wo es an sozialen Einrichtungen mangelt)
  • Unregelmäßiger Schlaf
  • Hoher Stressfaktor aufgrund eines Mangels an Privatsphäre und dem ständigen „Beschaffungsdruck“, um sich über Wasser zu halten
  • Massive gesellschaftliche Stigmatisierung bis hin zu körperlicher Gewalt
  • Obdachlose Frauen sind im Kontext sexueller Übergriffe äußerst gefährdet
  • Mögliche Suchtprobleme

Zu den Beschwerden, an denen Obdachlose leiden können, gehören Hautkrankheiten wie die „Schleppe“, Parasiten, Zahnprobleme, Mangelerscheinungen aufgrund einseitiger Ernährung, Symptome von Suchtproblemen und Beschwerden mit den Füßen. Mitunter können auch lebensbedrohliche Krankheiten wie HIV-Infektionen und die Tuberkulose auftreten. Des Weiteren sind Obdachlose oft Opfer gewalttätiger Übergriffe. Grob „über den Daumen gepeilt“ lässt sich sagen, dass ein Jahr Obdachlosigkeit hinsichtlich des Alterungsprozesses etwa vier „normalen“ Jahren entspricht – es ist also ein relativ schneller Abbau der körperlichen und psychischen Substanz zu beobachten. Die Lebenserwartung von Obdachlosen liegt etwa 30 Jahre unter dem üblichen Durchschnitt!

 

Die Entwicklung innerhalb Berlins in den letzten zehn Jahren:

Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat es eine dramatische Verschärfung der Situation innerhalb Berlins gegeben. Vielen BürgerInnen ist längst aufgefallen, dass es immer mehr Obdachlose Personen gibt – und dabei handelt es sich ja immer nur um die „erkennbaren“ Obdachlosen. Es kann natürlich keine genauen statistischen Erhebungen geben, aber fundierte Schätzungen gehen davon aus, dass es vor zehn Jahren etwa 1000, vielleicht gar 2000 Obdachlose in Berlin gab. Heutzutage geht man davon aus, dass es circa 4000 bis 6000 sind! Für diesen gravierenden Anstieg werden folgende Faktoren verantwortlich gemacht:

  • Eine massive Verschärfung der Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt – wer heutzutage seine Wohnung verlassen muss und nur über geringfügige finanzielle Mittel verfügt, hat kaum noch eine Chance, eine bezahlbare neue Unterkunft zu finden.
  • Die Verarmung großer Teile der Bevölkerung, die entweder aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse kein angemessenes Einkommen mehr erwirtschaften können oder bereits zu der Generation gehören, die aufgrund „lückenhafter Erwerbsbiographien“ eine unzulängliche Rente bezieht, mit der (steigende) Mieten nicht mehr gezahlt werden können.
  • Eine gravierende Zunahme ost- und südosteuropäischer Obdachloser, die aufgrund der EU-Freizügigkeit nach Berlin gekommen sind. Für sie ist Berlin praktisch „die erste Stadt des Westens“ und aus verschiedenen Gründen haben sie hier wesentlich bessere Überlebenschancen als in ihrer Heimat.
  • Auch die stark zunehmende Anzahl von Flüchtlingen ab 2015 sollte sich im Bereich der Obdachlosigkeit auswirken, hinzu kommen „Illegale“ ohne gültige Papiere.

Die Verschärfung der Situation sollte sich zum Beispiel durch die zunehmende Präsenz neuer informeller Siedlungen zeigen. Ein berühmtes Beispiel war die große Siedlung auf der „Cuvry“-Brache, die zeitweilig etwa 120 Menschen beherbergte. Ihre plötzliche, unerwartete Räumung im September 2014 bedeutete, dass die gesamte Einwohnerschaft auf einen Schlag praktisch auf der Straße landete. Danach schossen im Tiergarten und auf vielen kleinen Brachflächen innerhalb der Stadt Klein- und Kleinstsiedlungen wie Pilze aus dem Boden. Die oftmals problematischen hygienischen Zustände im Umfeld dieser Siedlungen führten oft zu massiven Beschwerden seitens der Anwohner und einer folgenden schnellen Räumung der Siedlungen – was wiederum nach sich zog, dass die Obdachlosen dann eben anderswo ihr Lager aufschlugen. Die „schnell-räumen-Politik“ geriet teilweise in das Zentrum massiver Kritik, während die zuständigen Politiker ihrerseits Ländern wie Polen den Vorwurf machten, sie würden ihre sozialen Probleme sozusagen nach Deutschland „exportieren“. Fazit: Die Lager hat sich innerhalb der letzten Jahre deutlich und für die meisten Stadtbewohner klar erkennbar stark verschlimmert!

 

Was tun?

Die Frage, was man gegen Obdachlosigkeit tun kann, nahm auf der Konferenz großen Raum ein. Und um die „schlechte Nachricht“ gleich vorwegzunehmen: Es gibt keinen „quick fix“, kein Patentrezept! Man kann mithilfe eines permanent zu optimierenden Bündels an Maßnahmen die Not der Obdachlosen bestenfalls lindern und die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen verringern. Was lässt sich in diesem Zusammenhang tun?

  • Grundsätzlich muss die Politik für genügend bezahlbaren Wohnraum in Berlin sorgen und auch darauf achten, dass BürgerInnen nicht aufgrund administrativer Fehler oder verschleppter Maßnahmen seitens der Behörden ihre Unterkunft verlieren.
  • Falls es nicht möglich sein sollte, Obdachlose über den reguläre Wohnungsmarkt mit Unterkünften angemessen zu versorgen, ist eventuell auf provisorische Lösungen (wie z.B. Wohncontainer, „Tiny Houses“, „Tempohomes“ und „Little Homes“) zurückzugreifen.
  • Das im Ausland bereits erfolgreich erprobte „Housing First“-Konzept soll auch in Berlin erprobt werden.
  • Hinsichtlich der langfristigen Perspektive sollte Unterstützung für Obdachlose immer eine „Empowerment“-Komponente beinhalten, die nicht nur auf temporäre Hilfe abzielt, sondern zum Ziel hat, die Betroffenen wieder voll in die Gesellschaft einzugliedern.
  • Die kurzfristigen Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose müssen im Winter aufgestockt werden, um allen Bedürftigen Schutz vor der Kälte zu bieten. Langfristig gesehen sollten diese Angebote dann auch den Rest des Jahres abdecken können.
  • Die Hilfsangebote für Obdachlose sollten möglichst niedrigschwellig und mit einem Minimum an Bürokratie für die Betroffenen verbunden sein.
  • Zudem muss es stärker ausdifferenzierte Hilfsangebote geben – wie zum Beispiel barrierefreie Notunterkünfte für Rollstuhlfahrer und Unterkünfte, die Menschen mit Hunden aufnehmen; mehr „Duschbusse“ werden gebraucht; hilfreich wäre auch die Bereitstellung kostenloser Schließfächer, damit die Obdachlosen nicht permanent ihr Habgut mit sich herumschleppen müssen oder dem Risiko von Diebstählen ausgesetzt sind.
  • Die Angebote der einzelnen karitativen Institutionen und die Kooperation der verschiedenen Bezirke müssen besser koordiniert werden, um schnell und effizient helfen zu können und Redundanz zu vermeiden.
  • Es muss für Obdachlose die Möglichkeit bestehen, auch ohne Krankenversicherung medizinisch betreut zu werden.
  • Hinsichtlich der zahlreichen osteuropäischen Obdachlosen in Berlin ist eine enge Kooperation mit den entsprechenden Herkunftsländern notwendig.
  • Es ist zu überlegen, ob etablierte und stabile informelle Siedlungen (von denen es in Berlin etwa acht gibt) für eine bestimmte Gruppe obdachloser Personen eine temporäre oder gar langfristige Option darstellen könnten.
  • Im weiteren Sinne sollten Politik und Medien für mehr Empathie gegenüber Obdachlosen sorgen und die jetzige Situation nicht einfach als „gegeben“ hinnehmen!

 

Somit gibt es also zahlreiche Aufgaben, die es anzupacken gilt. Man wird dabei die Obdachlosigkeit nie ganz abschaffen können, es werden aus verschiedensten Gründen immer wieder Menschen auf der Straße landen. Und es wird immer auch Personen geben, denen das gesellschaftskonforme Leben in „geschlossenen Systemen“ (mit all ihren gesellschaftlichen, finanziellen und sonstigen Verpflichtungen) so unerträglich ist, dass sie einen „Totalausstieg“ vorziehen. Unsere Gesellschaft hat in diesem Zusammenhang dafür Sorge zu tragen, dass das Elend auf den Straßen auf ein Minimum reduziert wird.

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